Guten Abend an alle!

Buffett hat ja von sich selbst gesagt, er sei „zu 85 % Graham und zu 15 % Fisher“. Deswegen habe ich mir das Hauptwerk von Fisher, das auf Deutsch den absolut blöden Titel „Die Profi-Investment-Strategie“ erhalten hat, durchgelesen. Den Originaltitel „Common Stocks and Uncommon Profits“ finde ich sehr viel passender und nicht so boulevard-mäßig. Aber aufgrund des Wortspiels ging das wohl nicht zu übersetzen.

Mich haben viele Aussagen von Fisher gewundert. Für sich genommen sind sie sicher ganz gut, aber so steht doch einiges sehr im Gegensatz zu Buffetts Prinzipien. Das geht damit los, daß Fisher nur in Technologie-Werte (wobei hier eher Maschinenbauer und Chemie gemeint sind) investiert. Das sind die Bereiche, in denen Fisher sich auskennt. Buffett meidet diese Firmen wegen ihrer Kapital-Intensität jedoch.

Natürlich paßt es zu Buffett, daß sich Fisher auch das Unternehmen sehr genau anguckt. Fisher interessiert sich jedoch gar nicht für vergangene Zahlen. Ihm reicht ein grober Überblick über das Zahlenwerk, um wirklich schlechte Zahlen auszuschließen. Ansonsten spielt für ihn nur die Zukunft eine Rolle, die er an einem außerordentlich guten Management festmacht. Grundsätzlich hat er ja recht, aber für Kleinanleger wie uns ist es wohl eher utopisch, ein Gespräch mit dem Vorstand führen zu können. Für Fisher ist dies Grundvoraussetzung für eine Investition. Waren das noch Zeiten in den 50ern.

Nach Fishers Aussagen ist bei einem Investment auch der Zeitpunkt wichtig, wobei er eher auf den Markt und die Stimmung abstellt. Für Buffett hingegen spielt der Markt keine Rolle (wir erinnern uns an Mr. Market). Wenn es dann aber soweit ist, dann soll man laut Fisher billigst in den Markt gehen, um nicht einen guten Gewinn wegen eines Vierteldollar zu verpassen.

Verkaufen sollte man - und da decken sich Buffett und Fisher wieder - am besten gar nicht. Der einzige Grund ist eine Änderung im Management, das heißt eine Verschlechterung der Management-Qualität oder der Strategie.

Insgesamt kein schlechtes Buch. Allerdings ist davon ein guter Teil nicht umzusetzen. Der Hauptpunkt der Investitionsentscheidung liegt eben in der Beurteilung der Management-Qualitäten der Firmen - festgemacht an Gesprächen mit Kunden, Lieferanten, Konkurrenten, entlassenen Mitarbeitern und natürlich dem Vorstand selbst. Und möglichst noch mehrere von jeder Sorte. Kann mir jemand ein Gespräch mit dem Chef von Johnson & Johnson vermitteln?

Einige Sachen hingegen sind sehr aktuell. So etwa einige Aussagen zum Crash 1929 - das liest sich, als wären die Passagen für das Desaster am Neuen Markt geschrieben worden. Auch was die Besetzung von Management-Posten angeht. Fisher schreibt: „Ein für ein wirklich erfolgreiches Investment absolut essentielles Unternehmensziel besteht darin, daß das Top-Management qualifizierte und motivierte Nachwuchskräfte heranzieht, die in die Unternehmensführung aufrücken können, sobald Ersatz gebracht wird.“ Warum muß ich jetzt gerade so sehr an die Telekom denken?

Fazit: Ein interessantes Buch, allerdings auch nicht mehr. Die weitgehende Undurchführbarkeit von Fishers Strategie und einige deutliche Widersprüche zu Buffett sorgen dafür, daß ich mich nicht tiefer damit beschäftigen werde. Einzelne Dinge sind durchaus für den Anlegeralltag geeignet, aber in Großen und Ganzen konnte ich wenig von Fisher wirklich gebrauchen.


Schönen Abend noch,
JuliaPapa