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Thema: Die kleinste Bank Deutschlands

  1. #1
    Erfahrener Valueist
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    Hallo, zusammen,

    hier mal etwas zum Schmunzeln und Staunen, was ich gestern in der Zeitung fand:


    "Kein Computer und kein Vieraugenprinzip

    Die Anrede „Bankdirektor“ ist für ihn eine Beleidigung: Der Landwirt Fritz Vogt führt das kleinste Geldhaus Deutschlands

    Von Thomas Greif

    Rothenburg. Wer sein Büro zum ersten Mal betritt, muss lächeln. Wegen der Rechenmaschine von 1938. Doch wenn Fritz Vogt, Landwirt und Geschäftsführer der Raiffeisenbank im württembergischen Gammesfeld bei Rothenburg, seine Kredit- und Sparkonditionen auf den Tisch legt, ist die Freude groß. Er bietet attraktive 4 beziehungsweise 3 Prozent für alle. „Man kann mit Geld auf unterschiedliche Weise umgehen“, sagt der inzwischen 75-Jährige, der seit 1968 das Ruder in Deutschlands kleinster Bank in Händen hält.
    Gammesfeld, 500 Einwohner, Kirche, Edeka-Laden und Raiffeisenbank, ein Nest im Rothenburger Hinterland, vier Kilometer jenseits der bayerischen Landesgrenze, hat eine banale wie bemerkenswerte Antwort auf die Probleme der Globalisierung. Sie lautet so: Kapital soll dienen, nicht herrschen. Solidarität ist unverzichtbar.
    Dafür sorgt die Familie Vogt nunmehr in dritter Generation. Großvater Fritz Vogt war anno 1890 Gründungskassier, ihm folgten mit kurzer Unterbrechung Sohn und Enkel gleichen Namens. Fast alle Belege der vergangenen 115 Jahre, die im Dachgeschoss der Bank lückenlos aufbewahrt werden, sind von einem „Fritz Vogt“ abgezeichnet.
    Diese personelle Beharrungskraft spiegelt sich in der Geschäftspolitik. Gammesfeld hat sich den beiden großen Umstrukturierungen im Bankwesen der letzten Jahrzehnte konsequent verweigert. Gegen das Vieraugenprinzip, das die Einstellung eines zweiten bezahlten Geschäftsführers verlangte, wehrte sich Vogt bis vor den Bundesgerichtshof. Im Verfahren „Raiffeisenbank Gammesfeld gegen Bundesrepublik Deutschland“ behielt er Recht.
    Computertechnologie jeglicher Art, das war Vogts zweiter Streich, ist in dem kargen Kassenraum tabu. Und so läuft bis heute der Bankbetrieb in Gammesfeld ab: Der Banksekretär Fritz Vogt empfängt vom Postboten die Bankanweisungen. Der Kassier Fritz Vogt verbucht sie in seinen 1300 kostenlosen Konten und gibt den Kunden das Bargeld aus. Denen steht außerdem der Anlageberater Fritz Vogt mit Rat und Tat zur Seite. Kreditbuchhalter Fritz Vogt wacht über die Außenstände, Warenhalter Fritz Vogt über die verbliebenen Güter in der Lagerhalle nebenan.
    Außerdem klärt Fritz Vogt die Welt mit wohlbedachter Bauernschläue über seine Vision vom dienenden Bankenwesen auf, bei Beckmann und Maischberger, im „Figaro“, im „Economist“ und in der „Zeit“. Es ist kein Zufall, dass jeder Besucher beim Betreten der Bank Wilhelm Friedrich Raiffeisen ins Gesicht sehen muss. Das Porträt des Genossenschaftsgründers ist Vogts Programm. „Raiffeisen wollte den kleinen Leuten helfen und nicht die Reichen noch reicher machen“, sagt er den Bankern der Republik ins Gesicht, wenn sie ihn zu ihren Kongressen einladen. Dort geht er als ländliche Kuriosität hinein und kommt als moralische Kapazität heraus.
    Den Kirchen nimmt er bis heute übel, dass sie Raiffeisens Idee von Solidarität und Regionalität kampflos dem freien Markt überlassen haben. Als „Bankdirektor“ angesprochen zu werden, empfindet er als beleidigend. Mit der „großen“ Bankenwelt will er nur das Allernötigste zu tun haben. Dies fällt bei den übersichtlichen Strukturen seiner Ein-Mann-Bank freilich auch nicht schwer.
    So fragte die Landeszentralbank Stuttgart nach dem Anschlag auf das World Trade Center am 11. September 2001 per Rundschreiben auch in Gammesfeld nach, ob dort vielleicht die afghanischen Taliban ein Konto unterhielten. Vogt konnte den Brief mit reinem Gewissen wegwerfen, obwohl er seine Kontenkartei nicht ausdrücklich durchgesehen hatte."


    Gruß,
    JuliaPapa
    "Beware the investment activity that produces applause; the great moves are usually greeted by yawns" -- Warren Buffett

  2. #2
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    Das finde ich herrlich! Hoffentlich ist die Nachfolge geregelt. Der Mann könnte ja Zulauf bekommen, hier geht die Kontenabfrage schließlich nicht so einfach.

    Grüße
    flippi

  3. #3
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    Hallo Papa von Julia,

    guck mal in Deine Mailbox.

    Ich bin auch schon ganz zappelig.

    Grüße
    flippi

  4. #4
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    Das ist doch mal eine Geschichte die einen berührt. Traditionelle Werte im Bankwesen. Unglaublich das es noch sowas gibt. :-)

  5. #5
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    Echt klasse. Da werden noch alte Werte vertreten. Ich hoffe dieser Geschäftsbereich wird nach seinem Tod weiter geführt. Wäre schade wenn so eine Kuriosität verschwinden würde.

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