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Thema: Wie man sich als Value-Anleger etwas vormachen kan

  1. #1
    Erfahrener Valueist
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    Hallo, zusammen!

    Ich habe am Freitag eine Kolumne von Max Otte (den sicherlich noch einige von uns aus früheren Zeiten kennen) gelesen, die ich sehr interessant fand und aus diesem Grund hier einstellen möchte:

    >Privatinvestor-Kolumne: Wie man sich als Value-Anleger etwas vormachen kann

    KÖLN - Sehr geehrte Privatanleger,
    heute lege ich Ihnen eine aktuelle Analyse von Guy Spier vor. Guy ist ungefähr mein Alter. Wir saßen 2004 beim Treffen der deutschsprachigen Berkshire-Investoren in Omaha, Nebraska, nebeneinander. Guy ist deutscher Staatsbürger, in England aufgewachsen und hat einen MBA an der Harvard Business School erworben. 1995 gründete er den Aquamarine Fund, den er bis heute managt.

    Guy analysiert, wie man sich auch als Value-Investor etwas vormachen kann. Der Drang, zu handeln, kann manchmal an der Börse fast unwiderstehlich werden. Oftmals ist es aber auch wichtig, einfach zu warten. Ich glaube, dass der folgende Text dabei helfen kann.

    Ich wünsche Ihnen frei nach Kostolany: Geld, Gedanken, Glück und Geduld!

    Ihr

    Prof. Dr. Max Otte

    Wie man sich auch als Value-Anleger etwas selbst vormachen kann von Guy Spier, Aquamarine Fund

    Ich glaube, dass sich die Welt des Investierens radikal von der Welt unterscheidet, die ich vorfand, als ich vor zehn Jahren mit dem Investieren anfing. Vor zehn Jahren kannte ich niemanden, der Warren Buffett oder Benjamin Graham kannte oder der von sich sagte, ein Value Investor zu sein. Niemand wusste, was eine Investment-Partnership oder ein Net-Net ist. Ich war mir darüber im Klaren, dass ich einen ziemlich unbekannten Weg gewählt hatte.

    Heute sagt jeder von sich, er sei ein Value-Investor. Die populärsten Bücher über Value Investing führen Warren Buffett im Titel. Geld ist in nie da gewesenen Mengen in alternative Investments geflossen. Ich habe nicht genug Finger und Zehen, um alle professionellen Value-Investoren zu zählen, die ich kenne - sogar diejenigen, die denselben Stil pflegen wie ich. Value Investing ist eine große und wachsende Branche geworden - mit eigenen Konferenzen, Publikationen und einer eigenen Begriffswelt. Ich glaube nicht, dass dies nur eine Mode oder eine Blase ist. So wie ich es sehe, haben viele der Value-Investoren, die ich kenne, sorgfältig studiert, was beim Investieren funktioniert und arbeiten daran, die mageren Zeiten zu überstehen.

    Deswegen fühlt sich die Nebenstraße des Value Investing für mich zunehmend wie eine sechsspurige Autobahn zur Hauptverkehrszeit an. Die Frage ist nun, wie man darauf reagieren soll. Im folgenden habe ich einige Möglichkeiten aufgezählt:

    Sondersituationen aggressiver nutzen und kleine Werte (Small Caps) kaufen

    Viele Fondsmanager wiederholen es fast refrainartig: "Es war schwer, Schnäppchen zu finden, aber wir konnten unser Kapital dennoch ertragbringend investieren." Ich glaube, dass viele dieser Manager bewusst oder unbewusst ihr Risiko erhöht haben, indem sie den Preis angehoben haben, zu dem sie bereit waren, zu kaufen, oder ihre Prüfung abgekürzt haben, um zu kaufen, bevor andere Käufer den Preis nach oben getrieben haben.

    Man sollte daran denken, dass in einer Umgebung, in der jeder seine Standards in Bezug auf Sicherheitsmargen oder Prüfkriterien reduziert, Wertsteigerungen eine selbsterfüllende Prophezeiung sind, weil die nachfolgenden Käufer automatisch die Preise hochtreiben. Niedrigere Standards gleich höhere Nachfrage gleich höhere Preise.

    Meine Sorge, wenn die Investorenfinger am Abzug schneller schießen ist nicht, dass es die ersten Male nicht funktionieren wird - es wird. Mein Problem ist ein anderes: bevor ich bis zehn zählen kann, sind meine Bewertungs- und Prüfkriterien im Eimer. So etwas macht Sinn, wenn Sie nur eine begrenzte Zeit haben, um sich am Markt zu beweisen. Ein vor kurzem eingestellter Analyst für spezielle Situationen und Märkte muss seine besten Ideen empfehlen (selbst wenn diese gar nicht so gut sind). Entweder er hat Glück - und steigt im Unternehmen auf oder er hat Pech und verlässt das Unternehmen wieder. Wenn er nichts empfiehlt, weil der Markt es im Moment nicht hergibt, ist er auch schnell wieder draußen.

    Wenn Sie Ihr Leben damit verbringen wollen, zu investieren - so wie ich es vorhabe - würde ein solches Verhalten und die schlechten Angewohnheiten, die daraus resultieren, die Gefahr eines Totalverlustes drastisch erhöhen. Das ist eben der Unterschied zwischen einem Analysten und einem aktiven Investor.

    Verdoppeln Sie Ihre Anstrengungen bei bekannten Unternehmen Eine weitere Möglichkeit ist, bei bekannten und angemessen bewerteten Unternehmen viel Research und Forschung zu betreiben. Wenn eine Person oder Organisation genug Arbeit in ein bestimmtes Investment stecken, werden sie wahrscheinlich früher oder später auch einen Grund finden, dieses Investment zu kaufen. Einer meiner Freunde nannte dies "die Realität foltern".

    Im letzten Jahr habe ich relativ viel Zeit damit verbracht, die Autobranche zu analysieren, weil ich vielleicht in Carmax investieren wollte. Zunächst war die Realität sehr komplex. Ich arbei-tete mich durch verschiedene Statistiken, um die Dynamik der Branche zu verstehen - zum Beispiel das Verhältnis von Neu- zu Gebrauchtwagenkäufen, sowie die Auswirkungen von ho-hen Ölpreisen auf die relativen Absatzzahlen verschiedener Modelle. Anstatt die Realität zu foltern, hatte ich das Gefühl, dass die Realität mich folterte.

    Aber irgendwann verstand ich, die Grundlage des Geschäfts von Carmax: der sogenannte "bid-ask-spread" - der Unterschied zwischen Großhandels- und Einzelhandelspreis für einen ge-brauchten Wagen - war bei Carmax eine Größenordnung kleiner als bei Wettbewerbern. Als ich dies verstanden hatte, war mir klar, dass Carmax sehr gute Wachstumsmöglichkeiten hatte. Für jede Investmentmöglichkeit, die sich auf diese Weise bietet, gibt es viele andere Unternehmen, die ich prüfe, und bei denen die Sache niemals so klar und einfach wird. Manchmal haben auch Investoren, die ich kenne, eine Investmentidee und wecken in mir den Drang, dieses Investment auch zu besitzen, so dass ich so genauso klug wie die anderen dastehe. Es gibt keinen Zweifel: jeder Investor, der langfristig erfolgreich sein will und gut dastehen will, muss willens sein, manchmal schlecht dazustehen und dumm auszusehen.

    Ins Ausland gehen

    Je weiter Sie sich von bekanntem Gebiet weg bewegen, desto wahrscheinlicher ist es, dass Sie "attraktive" Investmentmöglichkeiten finden. Einen Investment-Manager, den ich kenne, und dessen Rendite derzeit viel höher ist als meine, hat 50% seines Vermögens in Südkorea investiert.

    Ich war vier Monate lang der einzige Euroamerikaner in einer Koreanischen Investmentgesellschaft. Ich kenne das Land also ein bisschen. Eine meiner großen Erkenntnisse war: "Sie wis-sen nicht, was Sie nicht wissen." Wir haben die Tendenz, eine Myriade von Annahmen auf Kulturen zu projizieren, die wir nicht wirklich kennen. Ich persönliche befolge eine einfache Regel: wenn ich nicht die Dokumente und Geschäftsberichte einigermaßen entziffern kann, bin ich außerhalb meiner Kompetenz.

    Ich weiß, dass ich mit dieser Regel gut fahre, und staune immer über die Investoren, die frohen Mutes in entfernte Märkte investieren, ohne Dokumente in der Sprache des Landes lesen zu können.

    Put-Optionen kaufen oder Leerverkäufe in überbewerteten Märkten ausführen

    Diese Strategie gibt es in verschiedenen Formen. Die einfachste Möglichkeit ist, bei einer bestimmten Aktie oder einen bestimmten Index zu kaufen, von denen man glaubt, dass sie überbewertet sind, Leerverkäufe zu tätigen (Anm. Prof. Otte: Das geht in Deutschland für Privatinvestoren nicht, wir müssten also eine Put-Option kaufen). Die komplizierteste Möglichkeit, die ich kenne, ist der Kauf von Kreditausfallswaps (CDS) bei Finanzinstitutionen, die sich übernommen haben. CDS sind Anleiheversicherungen, die fällig werden, wenn die Wertpapiere eines bestimmten Kreditinstituts ausfallen.

    Ich habe mich früher schon darüber ausgelassen, warum ich mich sträube, Leerverkäufe durchzuführen. Der Kauf dieser DCS schien jedoch äußerst attraktiv mit einer sehr guten Ver-hältnis von Chancen zu Risiken zu sein - zumindest auf dem Papier. Das Eintreiben von Forderungen wäre aber ein außergewöhnlicher Vorfall, der Personen und Institutionen beinhalten würde, mit denen mein Aquamarine Fund normalerweise kein Geschäft betreibt. Da ich also das Geschäft nicht einschätzen konnte, wusste ich nicht, ob das Eintreiben solcher Forderungen ausreichend sicher oder einfach sein würde. Das heißt nicht, dass es nicht sicher oder einfach war, aber ich musste einfach zu viele Annahmen treffen.

    Es ist viel besser, ein Verkäufer als ein Käufer von Versicherungen zu sein, wenn es möglich ist. Dies war oft meine bittere Erfahrung, wenn ich eine Forderung bei einer Versicherung eintreiben wollte. (Anm. Prof. Otte: Buffett weiß das auch, denn er investiert gerne in Versicherungen. Und wenn die Banken Ihnen Discount-, Bonus- oder Garantiezertifikate verkaufen, sind sie ebenfalls Verkäufer von Versicherungen.)

    Sich eine Meinung über einen bestimmten Rohstoffmarkt oder langfristige wirtschaftliche Entwicklungen bilden

    Entwickeln Sie eine Prognose über die wahrscheinlichste Entwicklung in einem bestimmten Rohstoffmarkt wie z.B. Rohöl, Erdgas, Nuklearenergie oder Währungen. Dann suchen Sie sich die attraktivste Möglichkeit, von diesem Szenario zu profitieren.

    Trendbeobachtung und Szenarioanalysen sind für mache Leute geradezu Obsessionen geworden. Dies führt aber oft dazu, dass diese Leute auch minderwertige Investments akzeptieren, weil sie hoffen, von einem allgemeinen Trend zu profitieren. Man könnte auch gewisse gesellschaftliche Trends beobachten - wie zum Beispiel die Alterung oder Hispanisierung der amerikanischen Bevölkerung der Vereinigten Staaten. Unsere Investments in der Bildungsindustrie spiegeln gewisse gesellschaftliche Trends wieder. Es ist aber wichtig, festzustellen, dass ich die Bildungsunternehmen, die wir besitzen, auch ohne diese Trends attraktiv finden würde.

    Das Vermögen in sichere Anlagen stecken und auf bessere Tage warten

    Wenn man einen kurzen Anlagezeitraum hat, sollte man Bargeld, Termingeld oder bargeldähnliche Anlagen halten. Ich kenne auch Fondsmanager, die gut gemanagte Holdingunternehmen oder bestimmte Arbitragesituationen als bargeldäquivalent ansehen. Bei einem langen Anlagezeitraum investiert man in Unternehmen mit hervorragender Qualität, bei denen man davon überzeugt ist, dass diese Unternehmen die Wechselfälle der Zeit überstehen. Dabei sollten Erträge herauskommen, die besser als die von Termingeld sind.

    Aquamarine Fund hat vor allem die letzte Strategie gewählt. Der Fonds hat relativ hohe Bargeldbestände sowie viele hervorragende Unternehmen, die ich "80 Cent für einen Dollar mit 10% Wachstum" nennen würde.

    Die anderen Strategien sind nicht notwendigerweise schlechter. Meine Strategie reflektiert meine Fähigkeiten, meine Investmentpersönlichkeit und meine Kompetenzen, sowie meine Wahrnehmung dieser Kompetenzen. Meine Strategie ist auch davon beeinflusst, was in der Vergangenheit für mich funktioniert hat. Wenn ich mir meine erfolgreichen Investments anschaue, dann sehe ich, dass die Ideen dahinter einfach waren. Ich habe viel Zeit aufgewendet, um diese Ideen zu finden. Wenn ich etwas gefunden hatte, dann wusste ich meistens auch, dass ich etwas Gutes für den Fonds tat.

    Mit freundlichen Grüßen,

    Ihr

    Guy Spier

    (Für den Inhalt der Kolumne ist allein IFVE GmbH verantwortlich. Die Beiträge sind keine Aufforderung zum Kauf und Verkauf von Wertpapieren oder anderen Vermögenswerten.)



    © dpa - Meldung vom 11.02.2005 15:09 Uhr<

    Gruß,

    Torsten

  2. #2
    Erfahrener Valueist
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    Standard

    Hallo Torsten,

    danke für diesen Artikel - ich würde sagen er trifft den Nerv unserer Zeit ;-) Ich wähle den selben Weg wie Guy. Allerdings mache ich in mauen Zeiten wie diesen auch manchmal Kompromisse, indem ich vielleicht einen etwas höheren Preis bezahle oder etwas weniger Qualität fordere, dies aber nur in einem sehr beschränkten Rahmen. Die Abstriche äußern sich dann i.d.R. in geringeren Depotanteilen. Da ich eigentlich nur eine Hand voll Werte haben will, würde es mir, falls ich mir etwas vormache, früher oder später also auffallen.

    Grüße
    PoP
    \"Price is what you pay, Value is what you get\"

    (Warren Buffett)

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