Guten Tag zusammen,
„Um Gottes Willen - bloß keine amerikanischen Verhältnisse“ ist die übliche Aussage von Politikern aller Couleur, wenn es um Sozialreformen geht. Olaf Gersemann, in Washintgton lebender Journalist der Wirtschafts-Woche, hat sich über diesen Satz Gedanken gemacht. Denn was ist eigentlich daran falsch, wenn es in den USA 6 % Arbeitslosigkeit und 4 % Wirtschaftswachstum gibt? In Deutschland liegen die entsprechenden Werte bei 10 % und 0 % - da wären amerikanische Verhältnisse doch eigentlich wünschenswert.
Das Buch ist in drei Bereiche unterteilt. Zunächst wird die Entwicklung von Einkommen und Beschäftigung in Deutschland und den USA in den letzten 25 Jahren untersucht. Gersemann zeigt Ursachen auf, warum die Beschäftigung in den USA zunimmt, während sie in Deutschland abnimmt.
Im zweiten Teil geht es um die altbekannten Vorurteile gegen den Un-Sozialstaat USA. Es wird beschrieben, warum es eben nicht immer mehr Arme gibt, warum die Gleichung „Reiche werden immer reicher und Arme werden immer ärmer“ nicht stimmt, warum der Sturz in die Arbeitslosigkeit in den USA im Regelfall sanfter ist als in Deutschland usw.
Der letzte Teil schließlich beschreibt die elementaren Unterschiede zwischen den USA und Deutschland. Darin wird aufgedeckt, warum z.B. das Verbot von Studiengebühren in Deutschland ungerecht ist und trotz des Verbotes weniger Arbeiterkinder als in den USA studieren.
Das Fazit des Buches lautet denn auch, daß das amerikanische System klare Vorteile gegenüber dem deutschen hat, daß der Vorteil des „sichereren“ deutschen Systems nur auf dem Papier steht und in Wirklichkeit Arbeitslosigkeit und Ungerechtigkeiten produziert. Der deutsche „Kuschel-Kapitalismus“ ist dem amerikanischen „Cowboy-Kapitalismus“ ziemlich unterlegen.
Es ist ein hochinteressantes Buch, das man nur jedem Politiker (und insbesondere denen links von der Mitte) empfehlen kann. Dabei singt der Autor keineswegs das Hohelied auf die USA. Schwächen des Systems werden angesprochen und aufgezeigt, Stärken gegenüber Deutschland konstruktiv begründet.
Olaf Gersemann: „Amerikanische Verhältnisse“
FinanzBuch Verlag, ISBN 3-89879-051-7
EUR 34,90
Dazu paßt auch ein Artikel aus der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung vom 15. Januar:
„Wenn Manager zu Kellnern werden
Neun Jahre hatte der aufstrebende Nachwuchsmanager Michael Windsor beim weltgrößten Online-Unternehmen AOL verbracht. Mit seinem Jahresgehalt von zuletzt 160.000 Dollar konnte sich Windsor für seine Frau und zwei Töchter spielend ein komfortables Einfamilienhaus im schmucken Washingtoner Vorort Reston leisten, das während des Internetbooms noch als „Silicon Valley der amerikanischen Ostküste“ gefeiert wurde. In der Garage stand der 5er BMW. Zweimal in der Woche spielte der 36-Jährige in einem der teuersten Golfklubs.
Wie schnell sich die Zeiten ändern. Denn vor einem Jahr wurde Windsor, der wie die meisten Amerikaner keinen schriftlichen Arbeitsvertrag hatte, fristlos entlassen. Seit einem Dreivierteljahr schlägt er sich mit Teilzeitarbeit durch. Mal als Kellner, mal als Platzanweiser im Kino. Seit August hat der frühere Manager zwei Jobs, vormittags als Fahrer für einen Kurierdienst, um 14 Uhr tritt er dann eine sechsstündige Schicht als Verkäufer bei der Warenhauskette Wal-Mart an. Vergangenes Jahr hat Michael Windsor knapp 25.000 Dollar verdient, weniger als ein Sechstel seines früheren Gehalts.
Geschichten wie die von Michael Windsor häufen sich. Im vergangenen Jahr musten sich mehr als fünf Millionen Amerikaner, die verzweifelt auf der Suche nach einer Vollzeitbeschäftigung sind, mit einem oder mehreren deutlich schlechter bezahlten Teilzeitbeschäftigungen zufrieden geben. Im Vergleich zu 2001 ist das ein Anstieg von mehr als 30 Prozent. Unter ihnen befinden sich immer mehr hochqualifizierte Fach- und Führungskräfte, die lieber Einkommenseinbußen von 80 Prozent hinnehmen als zum Arbeitsamt zu marschieren und Sozialhilfe zu kassieren.
Die Gründe sind zahlreich. Wie viele andere erklärt Michael Windsor, daß „es bei jeder künftigen Stellenbewerbung besser aussieht, wenn der Lebenslauf keine Lücken aufweist, selbst wenn die Jobs eigentlich unter meinem Niveau sind“. Zudem läßt sich mit mehreren Minijobs immer noch mehr verdienen als das Arbeitsamt auszahlt. Ein weiterer wichtiger Grund sind die Sozialleistungen, insbesondere die Krankenversicherung, die viele Unternehmen selbst ihren Teilzeitkräften anbieten. Ökonomen bewundern die Tatsache, daß gestandene Karrieremenschen über ihren eigenen Schatten springen können und sich für die Gelegenheitsjobs nicht zu schade sind. „So etwas wäre in Europa undenkbar“, sagt der Nationalökonom Stephen Lindsay. „Die Flexibilität der amerikanischen Arbeitskräfte ist einer der wichtigsten Gründe, warum sich dieses Land so viel schneller von Rezessionen erholen kann.“
Zwar gibt Michael Windsor zu, daß er manchmal Angst habe, bei Wal-Mart einen früheren Kollegen zu treffen. „Doch dem könnte es letzten Endes genauso ergehen wie mir.“ Anstatt Golf zu spielen verschickt der frühere AOL-Manager in der wenigen verbleibenden Freizeit nun rund 100 Bewerbungen pro Woche. Ihm ist bewußt, daß die Arbeitslosenrate auf dem für US-Verhältnisse hohen Niverau von 6 Prozent verharrt und viele Experten von einer strukturellen Krise sprechen, wonach die mehr als 2,5 Millionen verlorenen Arbeitsplätze nie wieder ausgeglichen werden. Bisher hat sich das zuletzt enorme Wachstum der Wirtschaft auf dem Arbeitsmarkt noch nicht bemerkbar gemacht.“
Schönen Tag noch,
JuliaPapa




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